Montag, Juni 27, 2016

Glück zu kaufen?

Gestern tanzte ich seit langem mal wieder eine Trainingsstunde. Ich genoss es, unter Frauen zu sein, ich freute mich so unterschiedliche Frauen zu sehen und zu beobachten, wie sie das Tanzen genossen. Und ich freute mich, meine Freundin zu sehen, wie sie ihr 10-jähriges Trainerinnenjubiläum genoss. Das hat sie sich verdient.

Was mich noch weiter beschäftigt ist eine komische Frage. Ich bin gar nicht sicher, ob sie überhaupt berechtigt ist, aber irgendwie ist eine Irritation bei mir vorhanden, deswegen schreibe ich sie auf.

Ich beobachtete, wie die Teilnehmerinnen Kraft, gute Laune, Inspiration und positive Energie aus dem Training mitnahmen. Ich hatte das Gefühl, dass die Trainerin ihnen das gab. Ich glaube, meine Irritation kommt daher, dass ich mich frage, ob frau "positive Energie bzw. gute Gefühle kaufen kann". Wahrscheinlich ist das eine total bescheuerte Frage, weil unzählige Wirtschaftzweige genau das als Produkt im Angebot habe. Wenn ich beim Friseur die Kopfmassage genieße, wenn ich ein Kleidungsstück kaufe, das aus mir gefühlt einen neuen Menschen macht, wenn ich einen guten Film konsumiere - eigentlich kaufe ich mir immer gute Gefühle. Ich frage mich, was der Unterschied ist und wo meine Irritation herkommt.

Vielleicht ist es Folgendes. Meine Freundin wirkte auf mich wie ein Guru und die Teilnehmerinnen wie Jüngerinnen. Sie machte etwas vor und die anderen folgten willig. Es herrschte ein Arrangement, in dem es quasi eine Pflicht war, glücklich zu sein oder glücklich zu werden. Ich fühlte diese Glücksgefühle auch und trotzdem hatte ich auch manchmal das Gefühl, Teil einer Gehirnwäsche zu sein. Hauptsache glücklich, könnte man nun sagen. Aber immer noch habe dich dieses Gefühl der Irritation.

Ich kenne diese Guru-Rolle. Auch zu  mir kommen Menschen, die mir folgen wollen und ich weiß, was ich sagen muß und wie ich sie anpacken muss, damit diese Rollen-Hierarchie entsteht und die Menschen glücklich werden. Das ist mir manchmal auch unheimlich. Das meine Freundin das auch kann, das wusste ich, denn ich habe ihr Erwachsenwerden mitbegleitet, gesehen, wie sie weiser und weiser wurde und ich weiß, dass sie begeistern kann. Und trotzdem ist es mir unheimlich.

Die Teilnehmerinnen demonstrierten ein Gefühl der Verbundenheit mit der Trainerin und die Trainerin hat mit ihrer Ansprache auch ganz bewusst, ein Gefühl der Verbindung dargestellt. Wahrscheinlich ist das amerikanisch, die Gruppe mit "Du" anzusprechen. Der Grundschulllehrer meines Kindes macht das auch, aber mir ist das auch ein bisschen unheimlich. Als ich die unterschiedlichen Frauen der Gruppe betrachtete, die gekommen waren, um das Jubiläum zu feiern, fragte ich mich, was Freundinnen und was Kundinnen sind. Der Unterschied war nicht zu fassen. Alle wurden nahezu gleich behandelt.

Ich fragte mich, wie es der Trainerin geht, wenn sie einen schlechten Tag hat und trotzdem positive Stimmung verkaufen muss. Vermutlich macht sie das genauso professionell wie ich, wenn ich einen Workshop gebe. Aber trotzdem bleibt das Gefühl der Irritation.

Vielleicht kommt die Irritation auch von meinen eigenen Skrupeln, Menschen Geld für ein Heilsversprechen abzunehmen, das ich im Grunde nicht halten kann. Natürlich geht es den Menschen anschließend besser, aber ich bin stets der Meinung, dass sie ihre Probleme selbst lösen müssen. Sie können nicht durch den Kontakt zu mir so werden wie ich und sie können auch nicht durch eine Dienstleistung von mir, automatisch das, was sie sich erträumen. Ein bisschen Anstrengung gehört dazu.

Alle Teilnehmerinnen haben geschwitzt und sicher hat sie das Tanzen glücklich gemacht. Aber was suchen sie sonst noch in so einer Stunde und bekommen sie das? Oder sind das die ewig Suchenden, die sowieso Guru-Hopping betreiben und genügend Geld haben, sich das zu leisten. Möchte ich solche Menschen als Zielgruppe? Wie kann ich gewährleisten, mein Versprechen zu halten? Wie gehe ich damit um, wenn Menschen zu viel von mir erwarten, was ich gar nicht verkaufen kann? Wie gehe ich damit um, wenn Abhängigkeiten entstehen oder Enttäuschung auf mich zu kommt? Kann ich damit umgehen, dass Menschen mit Bedarf zwar Kundinnen aber im Grunde auch Bedürftige sind? Will ich Teil der Glücks-Industrie sein?

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wünsche:

  • ein häuschen in den elbvororten
  • ein klavier
  • ein tanzkurs mit meinem liebsten
  • einen kochkurs (am liebsten indisch)
  • ein städteurlaub in rom oder barcelona oder kopenhagen