Dienstag, November 11, 2014

Der Zustand hat wieder einen Namen

Eben im Auto, nachdem ich das Kind zur Kita gebracht hatte, sah ich es ganz deutlich vor. Das ist die Depression. Sie kommt ganz langsam auf mich zu. "Es" dieser Zustand hat wieder einen Namen.

In den letzten Tagen und Wochen denke ich ganz häufig, dass ich verstehen kann, wieso manche Leute saufen. Das kenne ich sonst gar nicht von mir, bin ich doch eigentlich zu intelligent für Drogen. Dachte ich zumindest. Und dann hatte ich tagelang diese Verspannungskopfschmerzen, aß zwei Schnapspralinen und der Schmerz war weg. So einfach ist das? Am nächsten Tag aß ich sie wieder, bis die Packung leer war und natürlich habe ich eine Neue gekauft. Manchmal denke ich, es wäre so einfach, einen Wodka zu trinken. Aber natürlich gestatte ich mir das nicht. Die neue Packung wird auch nicht verschlungen. Sie ist ein Vorrat für schlechte Zeiten.

Vor ein paar Tagen habe ich wieder angefangen Mönchspfeffer zu nehmen, als dieses Gefühl der Erschöpfung und Kraftlosigkeit, dass ich eigentlich, gemäß Zyklus erst 10 Tage später erwartet hätte, mich nervte. Die kleinste Aufregung, wird von mir hysterisch aufgebauscht und was folgt ist Erschöpfung und Leere. Es ist ok, wenn dieser Zustand an zwei Tagen im Monat stattfindet, planbar und erwartbar ist. Es verunsichert mich aber, wenn es aus heiterem Himmel kommt. Die letzten beiden Winter nahm ich auch den Winter durch Mönchspfeffer, nachdem ich festgestellt hatte, dass die trüben Tage regelmäßig in der letzten Zykluswoche kamen. Damit wurde es ein bisschen besser.

Wenn ich das alles zusammen nehme, kann ich nur konstatieren, dass ich geradewegs auf eine Depression zuschliddere. Ich bin froh, es zu merken. Ist es noch rechtzeitig? Ich versuche mich krampfhaft daran zu erinnern, was meine Notfallrezepte waren, die ich vor vielen Jahren mit meiner Therapeutin entwickelte. Mir fällt nur noch indisches Essen ein, aber das war eher so ein akut Aufwecker für ganz trübe Tage. Der Mönchspfeffer ist sicherlich eine gute Idee und ich muss zuschauen, dass ich unter Menschen komme. Ich muss mich verabreden, auch wenn es mir noch so schwer fällt. Wenn ich von diversen Treffen in anderen Städten meiner Onlinebekannschaften lese, wird mir ganz weh ums Herz. Warum klappt das in Hamburg nicht? Was ist eigentlich mit mir und den Freundinnen passiert, dass es mit den Jahren so schwierig geworden ist, sich zu verabreden?

Vielleicht bin ich noch nicht drin in der Depression und schaffe es noch die Biege zu machen. Das klappte in den letzten Jahren doch recht gut. Wie habe ich das nur hinbekommen? Oder habe ich nur funktioniert?

Montag, November 10, 2014

Der Schwimmkurs

Vor zwei Jahren hatte das Kind in der Kita die erste Chance auf einen Schwimmkurs und wollte nicht. Ich hatte dafür Verständnis und fand es auch noch sehr früh mit knapp 5. Bis 7 sollte es aber schwimmen lernen. Schwimmen ist wichtig. Ich möchte nicht immer Angst um das Kind haben, wenn es in der Nähe eines Wassers ist oder wenn ich nicht weiß, ob es vielleicht in der Nähe eines Wassers ist.

Diesen Sommer hatte das Kind Spaß am und im Wasser. Ich meldete es, mit seinem Einverständnis zum Schwimmkurs an. Opa lobte die ungeheuerliche Summe von 50 € zum Bestehen des Seepferdchens aus. Das Kind war motiviert. Nach der Anmeldung las ich, das Vorbedingung für die Teilnahme am Kurs ist, dass das Kind sich traut, vom Beckenrand reinzuspringen, den Kopf unter Wasser zu tauchen und sich treiben zu lassen. Wir übten. Das Kind hatte Spaß, Mut und Übermut.

Der erste Termin zum Schwimmkurs war ein Test. Ich hetzte von der Arbeit zur Kita, das Kind liess sich bitten mitzukommen, mußte im Schwimmbad noch mal aufs Klo und wir kamen zu spät. Der Anfang war suboptimal, aber das war nicht mehr zu ändern. Das Kind ging ins Wasser und machte alles mit, was von ihm verlangt wurde. Ich saß am Beckenrand, war sehr aufgeregt und sehr stolz, als ich mein zartes, quasi nacktes Kind im Wasser sah, was sich so viel traute. Ich hatte meine Zweifel, ob es reinspringen würde, hatte es dies doch bisher nur getan, wenn ich in der Nähe war, aber es stellte sich in die Schlange der Kinder und sprang einfach hinterher. Ich war sehr stolz. Es fühlte sich so an, als hätte das Kind einen großen Schritt gemacht. Und das, ohne mich in der Nähe. Es ist ganz alleine gesprungen. Ich war sehr aufgeregt ob dieses großen Schrittes.

Beim ersten richtigen Kurstermin weigerte sich das Kind plötzlich. Es war partout nichts ins Wasser zu bekommen. Mein Kleid und meine Haare waren nass, weil ich versucht hatte, die Dusche in der richtigen Temperatur einzustellen - das Kind war trocken und wollte nachhause. Ich überredete es schließlich, wenigsten den Kurs von Außen anzusehen und hoffte, dass es erkannte, wie freundlich die Schwimmlehrerin ist und wie sehr die anderen Kinder Spaß haben. Das Kind erzählte anschließend allen, wie cool "Trockenschwimmen" wäre. Ich beschloss durchzuhalten und das Kind zweimal die Woche zum Schwimmkurs zu schleifen, bis es ins Wasser geht. Die Zeiten liegen furchtbar unglücklich, ich muß die Arbeit früher beenden, habe an manchen Terminen keine Zeit, etwas zu essen. Der Schwimmkurs stresst mich, aber er ist wichtig. Wenn ich schon alles dafür tue, dann soll das Kind wenigstens Schwimmen lernen!

Beim zweiten Termin hatte ich das Kind nach 15 Minuten überredet ins Wasser zu gehen. Die verbleibenden 15 Minuten machte es mit, entdeckte einen Sportsfreund, lachte und hatte Spaß. Ich war erleichtert.

Der dritte Termin wurde komplett verweigert. Tränen, Geschrei, "Du bist blöd" und Bauchweh. Ich fragte, was Angst macht: das Schwimmen. Tauchen und Springen ist schön. Ich half beim Gespräch mit der Schwimmlehrerin. Ich blieb in der warmen, feuchten Halle und redete mit Engelszungen, es doch wenigstens im Wasser zu versuchen. Die Lehrerin und ich sagten, dass das Kind nichts machen muß, wovor es Angst hat. Die Lehrerin versprach zu helfen. Das Kind weigerte sich standhaft ins Wasser zu gehen. Ich war klatschnass verschwitzt, die Tränen standen mir kurz vor dem Ausbruch, das Kind blieb trocken.

Zuhause, als die Wut, der Ärger etwas verraucht waren, die Aussprache. Das Kind versprach, es beim nächsten Mal zu versuchen, es versprach ins Wasser zu gehen. Ich glaubte dem Kind. Abends Diskussion mit dem Mann. Er verlangte mehr Härte, Klarheit und Durchsetzungsvermögen von mir. Das sind nicht meine Stärken, hoffe ich doch auf intrinsische Motivation, auf das Gute im Menschen, auf Gespräch und Einsicht. Ich hasste mich für die Tränen. Das war stets die Taktik meiner Mutter, die ich zeitlebens hasste. Vielleicht war es gar keine Taktik? Vielleicht fühlte sie sich genauso hilflos wie ich? Wohin mit der Wut? Tränen sind bei mir immer ein Zeichen von Hilflosigkeit und Erschöpfung. Mein Mann findet es furchtbar, wenn ich weine und meint immer, ich mache das nur, um Konflikte zu vermeiden. Kann sein. Ich bin nicht gut in Konflikten.

In den Konflikt heute, beim vierten Termin, bin ich rein. Ich habe das Kind an die Absprachen erinnert und dirigierte es wortkarg und durchsetzungsstark in die Schwimmhalle. Tränen, Bauchweh, Wut waren die Antwort. Einmal Ärger in der Kabine, ich sagte, ich gehe und der Kurs ist vorbei. Ein zweiter Versuch in der Kabine, Erfolg bis an den Beckenrand. Wieder Geschrei und Wut, ich ging in den Elternbereich, das Kind wieder in die Kabine. Nach einigen Minuten ging ich wieder in die Kabine, packte die Sachen zusammen und sagte, der Kurs wäre nun beendet. Wieder Geschrei, das Kind kehrte um, und begann sich auszuziehen. Es beschimpfte mich dabei, ich mußte den Rest meiner Nerven zusammen halten. Ich verließ die Kabine und sagte dem Kind, es solle nun alleine weiter machen. Als ich nach ein paar Minuten nachsah, war das Kind wieder angezogen. Wir verließen das Schwimmbad. Für mich ist der Kurs vorbei.

Beim Test wurde das Kind in die "schüchterne", erste  Gruppe eingeteilt, was zur Folge hatte, dass die Kurszeiten für mich nahezu unmöglich zu realisieren waren. Wer kann schon einfach so zweimal die Woche die Arbeit 2 Stunden früher beenden, nur um das Kind zum Kindshobby zu fahren? Ich nahm es zähneknirschend auf  mich - schwimmen ist wichtig - ein bisschen verärgert darüber, dass das Kind, das sonst alles andere als schüchtern ist, ausgerechnet in die erste Gruppe eingeteilt wurde. Aber "schwimmen ist wichtig", ich organisierte alles um und machte es möglich.

Mir war schon klar, dass es immer wieder Kinder gibt, die den Schwimmkurs hinwerfen und nicht mitmachen, ich hätte nicht in Erwägung gezogen, dass es mir, mit meinem Kind so gehen würde, geht es doch so lernbegierig zweimal die Woche zum Fußballtraining. Als Eltern wünscht man sich die tollsten Kinder, es kränkt, wenn das Kind in die schwächste Gruppe eingeteilt wird, auch wenn ich auf der anderen Seite vollstes Verständnis dafür habe, dass es sich wohler fühlen würde, wenn es in einer Gruppe mit ähnlichen Kindern ist. Ich organisiere um und mache alles möglich. Dank erwarte ich gar nicht. Ich hoffe nur, dass das Kind ins Wasser geht und es wenigstens versucht. Aber das ist jetzt vorbei. Nicht mehr mit mir. Für mich ist der Schwimmkurs vorbei.

Ist die Lektion, die das Kind daraus lernt richtig? Geht es ums Schwimmen oder um etwas ganz anderes? Nächstes Jahr winkt der "Ernst des Lebens", die Schule beginnt. Da muss man auch mitmachen, da geht es nicht nach dem Lustprinzip. Oder ist das heute anders? Es ist doch meine Aufgabe, das Kind auf das Leben vorzubereiten! Ich denke schon, dass das Leben leichter wird, wenn man schwimmen kann und wenn man gelernt hat, dass man auch manchmal die Zähne zusammen beißen muss, um etwas zu lernen. Eine Mutter sagte "aber doch nicht gegen so massiven Widerstand!" und ich dachte, "Ja, das dachte ich mir auch mal, aber die Schonzeit in der Kita ist bald vorbei." Die fomulierte Angst, das Bauchweh waren so diffus. Ich kann mir nicht recht erklären, was das Problem ist und habe mehr das Gefühl, dass es einfach nur stressig ist, nach der Kita ins Schwimmbad zu hetzen - plötzliche Kontextwechsel finde ich auch anstrengend - und dass es einfach schöner, vertrauter, netter, komfortabler wäre, wenn schwimmen lernen mit Mama, nach dem Lustprinzip gehen würde. Aber das mag ich nicht! Ich habe weder Ahnung davon, wie ich einem Kind schwimmen beibringen kann, noch Muße regelmäßig mit dem Kind ins Schwimmbad zu gehen. Ich mag einfach nicht! Das kann doch auch jemand anderes übernehmen. So falsch kann das Konzept Schwimmkurs doch gar nicht sein! Außerdem geht es doch nicht nur ums Schwimmen! Es geht auch um A und B sagen, um Geld, das wir investiert haben und darum, dass wir Eltern Vorgaben machen und ein Kind nunmal ein Kind ist. Was lernt das Kind, wenn wir den Schwimmkurs nun abbrechen? Was lerne ich?

wünsche:

  • ein häuschen in den elbvororten
  • ein klavier
  • ein tanzkurs mit meinem liebsten
  • einen kochkurs (am liebsten indisch)
  • ein städteurlaub in rom oder barcelona oder kopenhagen