Dienstag, November 11, 2014

Der Zustand hat wieder einen Namen

Eben im Auto, nachdem ich das Kind zur Kita gebracht hatte, sah ich es ganz deutlich vor. Das ist die Depression. Sie kommt ganz langsam auf mich zu. "Es" dieser Zustand hat wieder einen Namen.

In den letzten Tagen und Wochen denke ich ganz häufig, dass ich verstehen kann, wieso manche Leute saufen. Das kenne ich sonst gar nicht von mir, bin ich doch eigentlich zu intelligent für Drogen. Dachte ich zumindest. Und dann hatte ich tagelang diese Verspannungskopfschmerzen, aß zwei Schnapspralinen und der Schmerz war weg. So einfach ist das? Am nächsten Tag aß ich sie wieder, bis die Packung leer war und natürlich habe ich eine Neue gekauft. Manchmal denke ich, es wäre so einfach, einen Wodka zu trinken. Aber natürlich gestatte ich mir das nicht. Die neue Packung wird auch nicht verschlungen. Sie ist ein Vorrat für schlechte Zeiten.

Vor ein paar Tagen habe ich wieder angefangen Mönchspfeffer zu nehmen, als dieses Gefühl der Erschöpfung und Kraftlosigkeit, dass ich eigentlich, gemäß Zyklus erst 10 Tage später erwartet hätte, mich nervte. Die kleinste Aufregung, wird von mir hysterisch aufgebauscht und was folgt ist Erschöpfung und Leere. Es ist ok, wenn dieser Zustand an zwei Tagen im Monat stattfindet, planbar und erwartbar ist. Es verunsichert mich aber, wenn es aus heiterem Himmel kommt. Die letzten beiden Winter nahm ich auch den Winter durch Mönchspfeffer, nachdem ich festgestellt hatte, dass die trüben Tage regelmäßig in der letzten Zykluswoche kamen. Damit wurde es ein bisschen besser.

Wenn ich das alles zusammen nehme, kann ich nur konstatieren, dass ich geradewegs auf eine Depression zuschliddere. Ich bin froh, es zu merken. Ist es noch rechtzeitig? Ich versuche mich krampfhaft daran zu erinnern, was meine Notfallrezepte waren, die ich vor vielen Jahren mit meiner Therapeutin entwickelte. Mir fällt nur noch indisches Essen ein, aber das war eher so ein akut Aufwecker für ganz trübe Tage. Der Mönchspfeffer ist sicherlich eine gute Idee und ich muss zuschauen, dass ich unter Menschen komme. Ich muss mich verabreden, auch wenn es mir noch so schwer fällt. Wenn ich von diversen Treffen in anderen Städten meiner Onlinebekannschaften lese, wird mir ganz weh ums Herz. Warum klappt das in Hamburg nicht? Was ist eigentlich mit mir und den Freundinnen passiert, dass es mit den Jahren so schwierig geworden ist, sich zu verabreden?

Vielleicht bin ich noch nicht drin in der Depression und schaffe es noch die Biege zu machen. Das klappte in den letzten Jahren doch recht gut. Wie habe ich das nur hinbekommen? Oder habe ich nur funktioniert?

Montag, November 10, 2014

Der Schwimmkurs

Vor zwei Jahren hatte das Kind in der Kita die erste Chance auf einen Schwimmkurs und wollte nicht. Ich hatte dafür Verständnis und fand es auch noch sehr früh mit knapp 5. Bis 7 sollte es aber schwimmen lernen. Schwimmen ist wichtig. Ich möchte nicht immer Angst um das Kind haben, wenn es in der Nähe eines Wassers ist oder wenn ich nicht weiß, ob es vielleicht in der Nähe eines Wassers ist.

Diesen Sommer hatte das Kind Spaß am und im Wasser. Ich meldete es, mit seinem Einverständnis zum Schwimmkurs an. Opa lobte die ungeheuerliche Summe von 50 € zum Bestehen des Seepferdchens aus. Das Kind war motiviert. Nach der Anmeldung las ich, das Vorbedingung für die Teilnahme am Kurs ist, dass das Kind sich traut, vom Beckenrand reinzuspringen, den Kopf unter Wasser zu tauchen und sich treiben zu lassen. Wir übten. Das Kind hatte Spaß, Mut und Übermut.

Der erste Termin zum Schwimmkurs war ein Test. Ich hetzte von der Arbeit zur Kita, das Kind liess sich bitten mitzukommen, mußte im Schwimmbad noch mal aufs Klo und wir kamen zu spät. Der Anfang war suboptimal, aber das war nicht mehr zu ändern. Das Kind ging ins Wasser und machte alles mit, was von ihm verlangt wurde. Ich saß am Beckenrand, war sehr aufgeregt und sehr stolz, als ich mein zartes, quasi nacktes Kind im Wasser sah, was sich so viel traute. Ich hatte meine Zweifel, ob es reinspringen würde, hatte es dies doch bisher nur getan, wenn ich in der Nähe war, aber es stellte sich in die Schlange der Kinder und sprang einfach hinterher. Ich war sehr stolz. Es fühlte sich so an, als hätte das Kind einen großen Schritt gemacht. Und das, ohne mich in der Nähe. Es ist ganz alleine gesprungen. Ich war sehr aufgeregt ob dieses großen Schrittes.

Beim ersten richtigen Kurstermin weigerte sich das Kind plötzlich. Es war partout nichts ins Wasser zu bekommen. Mein Kleid und meine Haare waren nass, weil ich versucht hatte, die Dusche in der richtigen Temperatur einzustellen - das Kind war trocken und wollte nachhause. Ich überredete es schließlich, wenigsten den Kurs von Außen anzusehen und hoffte, dass es erkannte, wie freundlich die Schwimmlehrerin ist und wie sehr die anderen Kinder Spaß haben. Das Kind erzählte anschließend allen, wie cool "Trockenschwimmen" wäre. Ich beschloss durchzuhalten und das Kind zweimal die Woche zum Schwimmkurs zu schleifen, bis es ins Wasser geht. Die Zeiten liegen furchtbar unglücklich, ich muß die Arbeit früher beenden, habe an manchen Terminen keine Zeit, etwas zu essen. Der Schwimmkurs stresst mich, aber er ist wichtig. Wenn ich schon alles dafür tue, dann soll das Kind wenigstens Schwimmen lernen!

Beim zweiten Termin hatte ich das Kind nach 15 Minuten überredet ins Wasser zu gehen. Die verbleibenden 15 Minuten machte es mit, entdeckte einen Sportsfreund, lachte und hatte Spaß. Ich war erleichtert.

Der dritte Termin wurde komplett verweigert. Tränen, Geschrei, "Du bist blöd" und Bauchweh. Ich fragte, was Angst macht: das Schwimmen. Tauchen und Springen ist schön. Ich half beim Gespräch mit der Schwimmlehrerin. Ich blieb in der warmen, feuchten Halle und redete mit Engelszungen, es doch wenigstens im Wasser zu versuchen. Die Lehrerin und ich sagten, dass das Kind nichts machen muß, wovor es Angst hat. Die Lehrerin versprach zu helfen. Das Kind weigerte sich standhaft ins Wasser zu gehen. Ich war klatschnass verschwitzt, die Tränen standen mir kurz vor dem Ausbruch, das Kind blieb trocken.

Zuhause, als die Wut, der Ärger etwas verraucht waren, die Aussprache. Das Kind versprach, es beim nächsten Mal zu versuchen, es versprach ins Wasser zu gehen. Ich glaubte dem Kind. Abends Diskussion mit dem Mann. Er verlangte mehr Härte, Klarheit und Durchsetzungsvermögen von mir. Das sind nicht meine Stärken, hoffe ich doch auf intrinsische Motivation, auf das Gute im Menschen, auf Gespräch und Einsicht. Ich hasste mich für die Tränen. Das war stets die Taktik meiner Mutter, die ich zeitlebens hasste. Vielleicht war es gar keine Taktik? Vielleicht fühlte sie sich genauso hilflos wie ich? Wohin mit der Wut? Tränen sind bei mir immer ein Zeichen von Hilflosigkeit und Erschöpfung. Mein Mann findet es furchtbar, wenn ich weine und meint immer, ich mache das nur, um Konflikte zu vermeiden. Kann sein. Ich bin nicht gut in Konflikten.

In den Konflikt heute, beim vierten Termin, bin ich rein. Ich habe das Kind an die Absprachen erinnert und dirigierte es wortkarg und durchsetzungsstark in die Schwimmhalle. Tränen, Bauchweh, Wut waren die Antwort. Einmal Ärger in der Kabine, ich sagte, ich gehe und der Kurs ist vorbei. Ein zweiter Versuch in der Kabine, Erfolg bis an den Beckenrand. Wieder Geschrei und Wut, ich ging in den Elternbereich, das Kind wieder in die Kabine. Nach einigen Minuten ging ich wieder in die Kabine, packte die Sachen zusammen und sagte, der Kurs wäre nun beendet. Wieder Geschrei, das Kind kehrte um, und begann sich auszuziehen. Es beschimpfte mich dabei, ich mußte den Rest meiner Nerven zusammen halten. Ich verließ die Kabine und sagte dem Kind, es solle nun alleine weiter machen. Als ich nach ein paar Minuten nachsah, war das Kind wieder angezogen. Wir verließen das Schwimmbad. Für mich ist der Kurs vorbei.

Beim Test wurde das Kind in die "schüchterne", erste  Gruppe eingeteilt, was zur Folge hatte, dass die Kurszeiten für mich nahezu unmöglich zu realisieren waren. Wer kann schon einfach so zweimal die Woche die Arbeit 2 Stunden früher beenden, nur um das Kind zum Kindshobby zu fahren? Ich nahm es zähneknirschend auf  mich - schwimmen ist wichtig - ein bisschen verärgert darüber, dass das Kind, das sonst alles andere als schüchtern ist, ausgerechnet in die erste Gruppe eingeteilt wurde. Aber "schwimmen ist wichtig", ich organisierte alles um und machte es möglich.

Mir war schon klar, dass es immer wieder Kinder gibt, die den Schwimmkurs hinwerfen und nicht mitmachen, ich hätte nicht in Erwägung gezogen, dass es mir, mit meinem Kind so gehen würde, geht es doch so lernbegierig zweimal die Woche zum Fußballtraining. Als Eltern wünscht man sich die tollsten Kinder, es kränkt, wenn das Kind in die schwächste Gruppe eingeteilt wird, auch wenn ich auf der anderen Seite vollstes Verständnis dafür habe, dass es sich wohler fühlen würde, wenn es in einer Gruppe mit ähnlichen Kindern ist. Ich organisiere um und mache alles möglich. Dank erwarte ich gar nicht. Ich hoffe nur, dass das Kind ins Wasser geht und es wenigstens versucht. Aber das ist jetzt vorbei. Nicht mehr mit mir. Für mich ist der Schwimmkurs vorbei.

Ist die Lektion, die das Kind daraus lernt richtig? Geht es ums Schwimmen oder um etwas ganz anderes? Nächstes Jahr winkt der "Ernst des Lebens", die Schule beginnt. Da muss man auch mitmachen, da geht es nicht nach dem Lustprinzip. Oder ist das heute anders? Es ist doch meine Aufgabe, das Kind auf das Leben vorzubereiten! Ich denke schon, dass das Leben leichter wird, wenn man schwimmen kann und wenn man gelernt hat, dass man auch manchmal die Zähne zusammen beißen muss, um etwas zu lernen. Eine Mutter sagte "aber doch nicht gegen so massiven Widerstand!" und ich dachte, "Ja, das dachte ich mir auch mal, aber die Schonzeit in der Kita ist bald vorbei." Die fomulierte Angst, das Bauchweh waren so diffus. Ich kann mir nicht recht erklären, was das Problem ist und habe mehr das Gefühl, dass es einfach nur stressig ist, nach der Kita ins Schwimmbad zu hetzen - plötzliche Kontextwechsel finde ich auch anstrengend - und dass es einfach schöner, vertrauter, netter, komfortabler wäre, wenn schwimmen lernen mit Mama, nach dem Lustprinzip gehen würde. Aber das mag ich nicht! Ich habe weder Ahnung davon, wie ich einem Kind schwimmen beibringen kann, noch Muße regelmäßig mit dem Kind ins Schwimmbad zu gehen. Ich mag einfach nicht! Das kann doch auch jemand anderes übernehmen. So falsch kann das Konzept Schwimmkurs doch gar nicht sein! Außerdem geht es doch nicht nur ums Schwimmen! Es geht auch um A und B sagen, um Geld, das wir investiert haben und darum, dass wir Eltern Vorgaben machen und ein Kind nunmal ein Kind ist. Was lernt das Kind, wenn wir den Schwimmkurs nun abbrechen? Was lerne ich?

Donnerstag, Oktober 30, 2014

Begegnung

Heute morgen beim Bäcker traf ich eine Frau, mit der ich meinen ersten Nähkurs gemacht habe. Ihr "na, nähst du immer noch und der Griff an das Revers meines Mantels" war übergriffig. Ich ärgerte mich, dass ich ungeschminkt war und gleichzeitig schalt ich mich, dass ich immer noch ein schlechtes Gefühl bekomme, wenn ich diesen Typ Frau treffe: blond, hübsch, jugendlich-schlank-flott, piepsige Stimme mit dazu passendem Augenaufschlag, mit erfolgreichem Mann verheiratet ... 

Es ist dieser Typ Frau, der mich rasend macht. So wie diese Fernsehmoderatorin, die ohne ein Wort der Begrüßung in der Garderobe zu mir sagte, dass ich es bestimmt auch nicht leicht hätte, während sie ihre Wallemähne mit Haarspray einsprühte, so dass ganz neckisch, wie zufällig die eine Seite über die Schulter fällt und die andere eben nicht. Sehe ich dieses Frau im Fernsehen, bin ich immer noch wütend, auch wenn die Begegnung 10 Jahre her ist.

Die Frau, die ich beim Bäcker traf mag mich nicht. Das ist kein Gefühl, das weiß ich, denn sie gehörte zu einer Gruppe Frauen, die beschloss sich ohne mich weiter zu treffen, obwohl ich lange die Organisationsarbeit der vorherigen Treffen übernommen hatte. Ich war damals erleichtert, dass mich dieser Gruppenausschluss nicht so sehr traf, wie er mich als junges Mädchen getroffen hatte und suchte mir andere Menschen, mit denen ich meine Begeisterung eigentlich sogar noch besser teilen konnte, die allerdings den Nachteil hatten, nur übers Internet verfügbar zu sein.

Die Frau, die ich bei Bäcker traf, begrüßte mich überschwänglich. Ich habe mittlerweile gelernt, im gleichen Tonfall etwas Belangloses wie "ach, das ist aber lange her..." zu sagen und auch auf die übergriffige Frage zu antworten, dass ich das Nähen immer noch toll und bereichernd finde. Sie antwortete, dass sie ja doch niemals so zufrieden war wie mit Kaufklamotten (mit ihrer Figur und ihrem Geldbeutel auch sicherlich nachvollziehbar) und klippklapp ging ihr Portemonnai auf und ich bekam noch ein Foto ihrer wohlgeratenen Kinder mit Schultüte präsentiert. Fehlte nur noch eine Bemerkung, welchen Karriereschritt ihr Mann gerade getan hat, aber stattdessen betonte sie, wie viel sie nun arbeite. Ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern oder mir vorstellen, welchen Beruf sie wohl ausüben könnte.

Ich sagte nichts zu dieser Selbstdarstellungsnummer und auch nichts weiter über mich - ich kam sowieso nicht wirklich zu Wort. Schon komisch, wo ich doch sonst nicht auf den Mund gefallen bin. Aber ich ärgere mich, dass mich so eine Begegnung immer noch aufregt. Sollte ich nicht mittlerweile etwas cooler sein und gelassen darüber stehen, dass es auch andere Frauen gibt? Warum muß ich mich trotz allem vergleichen?

Montag, Oktober 20, 2014

Unvergessen

Vorhin habe ich, seit Langem mal wieder, "Eternal Flame" von den Bangles gehört. Das Lied ist vermutlich nicht gut genug, um als wichtiges Musikstück in die Musikgeschichte einzugehen, aber mir bedeutet es viel.

Es muß im September 1990 gewesen sein. Wir hatten einen Wodka-Abend mit Freunden, alles Kerle, Freunde von mir von der Uni, zu dem ich eingeladen war, Freundinnen mitzubringen. Das tat ich: Nicola und Elke. Elke trank keinen Wodka, weil sie so einen merkwürdigen Husten hatte; wir anderen aber zu genüge. Ihr schien das nicht auszumachen, war sie sowieso ein Mensch, der eigentlich immer gute Laune hatte und ständig auf dem Sprung zu neuen Abenteuern war. Wir hatten dadurch den Vorteil, dass sie uns nach Hause fahren konnte. Als wir ins Auto einstiegen und sie Musik anmachte, lief "Eternal Flame", wir sangen lauthals mit und gaben uns stets bei "Give me your hand" die Hand. Es war ein wunderschöner Freundschaftsmoment.

Kurze Zeit später ging Elke mit dem Husten zum Arzt. Ein Facharzt wies sie zur Lungenuntersuchung ins Krankenhaus ein, sie wurde operiert und ohne etwas zu machen, wieder zugenäht. Hodgkinsche Krankheit - Metastasen an allen Organen. Wir hatten geplant, in den Monaten darauf zusammen nach Mexiko zu fahren. Wir hatten noch so viel vor! Sie hatte noch so viel vor!

1984 hatte ich sie in der Schule kennengelernt. Ich hatte sie schon von Ferne bewundert. So ein lebenslustiges, quirliges, freundliches Mädchen. Sie trug eine Maxisingle unter dem Arm und ich sagte ihr, dass ich "It's a shame" von Talk Talk mögen würde. Obwohl wir uns nicht kannten, streckte sie den Arm aus und sagte "ich leih sie dir". Von da an waren wir Freundinnen. Noch ein anderes Lied erinnert mich an sie "Careless Whisper" von George Michael: waren ihre Eltern in Urlaub, und das fuhren sie regelmäßig, schmissen ihr großer Bruder und sie immer rauschende Parties im Reihenhaus. Auf einer dieser Parties lernte ich Andreas mit der roten Brille kennen, wir sangen zusammen Careless Whisper und wurden Freunde.

Als wir zusammen studierten, hatten wir nicht mehr so viel Kontakt, wie zu Schulzeiten. Elke hatte 1000 neue Freunde und 1000 Jobs. Sie arbeitete ohne Honorar als Journalistin und hatte noch diverse Nebenjobs, um ihr Leben zu finanzieren. Es war nicht leicht, sich mit dieser beschäftigten jungen Frau zu verabreden. Ich war traurig, dass unsere Freundschaft in den Hintergrund rückte.

Als sie im Krankenhaus war, waren es plötzlich nicht mehr so viel Freunde. Ich begegnete eigentlich immer nur ihrem Bruder und ihren Eltern. Es war schrecklich, ihren Verfall zu sehen, aber sie machte immer noch Pläne. Ich zögerte, ihr den Mexiko-Reiseführer zu schenken, aber sie bat mich immer wieder, ihn ihr mitzubringen, obwohl ich heute denke, dass sie zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr lesen oder ein Buch halten konnte.

Die Besuche wurden von Mal zu Mal schwerer für mich. Ich hatte noch nie einen Menschen sterben gesehen. Mich belastete außerdem, dass sich meine Freunde von mir zurück zogen. Sie konnten es nicht ertragen, mit mir über Elkes Krankheit und ihren bevorstehenden Tod zu reden. Wenn ich davon anfing, dann sprachen sie erschüttert darüber, dass sie Angst vor dem Sterben und vor Krankheiten hätten. Sie sprachen nur über sich und hatten nicht die Kraft, mir zuzuhören. Dabei hätte ich jemand gebraucht, mit dem ich die verstörenden Bilder und Gedanken hätte teilen können, um mich ein bißchen zu erleichtern.

Ich weinte mich jede Nacht in den Schlaf, vor Einsamkeit. Es zerriss mir das Herz, dass ich das Gefühl hatte, das meine Freunde nichts wert sind, wenn sie mir in einer schweren Situation nicht beistehen können. Ich fühlte, dass Freundschaften zwar ganz nett sind, aber der Mensch in schweren Stunden doch ganz alleine ist. Ich konnte nur noch weinen.

Simone, eine Freundin, die Elke nicht kannte, fuhr mich die letzten zwei Male ins Krankenhaus. Es tat gut, wenigsten den Rückweg nicht alleine gehen zu müssen. Ich war Simone sehr dankbar für diese Unterstützung. Ich lernte, dass Menschen Grenzen haben, was sie ertragen können und ich lernte, dass es trotzdem Möglichkeiten gibt, jemand zur Seite zu stehen, auch wenn die Unterstützung nicht genau das ist, was der andere sich gerade wünscht. Ich lernte, dass Kleinigkeiten, dass Unterstützung im Alltag auch ein Freundschaftsdienst sein kann.

Bei meinen letzten Besuchen erkannte ich Elke kaum noch wieder. Ihr Gesicht war nicht mehr Elke, es war eine Fratze. Ihr Mund war lila, ich weiß nicht wieso. Ich glaube, sie hatte keine Zähne mehr. Keine Haare, keine Zähne, kaum noch Reaktion, so vollgepumpt war sie mit Morphium. Ich weiß nicht, ob ich mich getraut habe, ihre Hand anzufassen. Ich konnte sie nicht mehr ansehen. Das Bild ihres Gesichtes mit dem lila Mund hat mich jahrelang im Schlaf verfolgt. Bei meinem letzten Besuch wusste ich, dass ich nicht wieder kommen konnte und weinte über meine Schwäche. Ich konnte mich nicht damit trösten, dass ich einen weiten Weg mit ihr mitgegangen war, länger als manche anderen Freunde. Ich fühlte einfach nur meine Ungläubigkeit, meinen Ekel und meine Einsamkeit. Mehr konnte ich nicht ertragen. Es zerriss mir immer wieder das Herz, ihren Bruder zu sehen, der ihr ein treuer Freund war. Wir sprachen kein Wort. Obwohl wir uns früher nicht leiden konnten, waren wir mit Blicken in dieser schwierigen Situation tief verbunden. Sie war nicht allein, in ihren letzten Tagen, ihre Familie war da. Das tröstete mich. Und dennoch war ich beschämt, dass ich nicht damit umgehen konnte, dass sie sich derart verändert hatte. Am Schluß konnte ich nicht mehr Elke in ihr sehen. Das beschämt mich bis heute und während ich das Schreibe, habe ich wieder dieses Bild mit dem lila Mund vor Augen und die alten Gefühle kommen hoch.

Zur Beerdigung kamen viele, viele Menschen. Ich kann mich an wenig erinnern. Das Bild, wie sie am Schluß aussah, überdeckte alles. Meine Mutter kam mit oder fuhr mich zum Friedhof. Ich drückte ihrem Bruder die Hand und dieser kraftvolle Händedruck tat mir gut. Ich fragte mich, wer wem gerade Kraft gab. Der Händedruck berührte mich sehr.

In den ersten Jahren habe ich noch ganz oft an Elke gedacht. Mit der Zeit wurde es weniger. Ich tröstete mich damit, dass ein Mensch noch nicht weg ist, so lange andere an ihn denken. Mit der Zeit konnte ich mich auch wieder mehr an das lachende Gesicht mit den freundlichen Haaren erinnern und der lila Mund trat in den Hintergrund. Erstaunlicherweise habe ich trotz jahrelanger Freundschaft nur ein Foto von ihr. Meine Erinnerungen an die Freundin, wie sie aussah verblassen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie heute aussehen würde. Sie starb mit noch nicht mal 22; heute wäre sie 46 - doppelt so alt.

Es blieb nicht viel von ihrem Leben; dabei hat sie so unglaublich schnell und intensiv gelebt, als hätte sie gewußt, dass ihr nicht viel Zeit bleibt. Ich bewunderte ihre unkomplizierte Art, ihre Gabe, Freundschaften zu schließen und beliebt zu sein, ich bewunderte verwundert, wie viel Aktivitäten sie in einen Tag packen konnte und dass ihr dieser Stress nichts auszumachen schien. Letztlich bleiben mir von ihrem Leben wenig Erinnerungen, aber ihr Sterben lehrte mich so viel. Wenn ich "Eternal Flame" höre, dann denke ich an den Wodka-Abend und dann denke ich an ihr Sterben. Ich bin froh, diese Erinnerung jetzt mal aufgeschrieben zu haben!

Donnerstag, Oktober 16, 2014

Aufräumen!

Erstaunlicherweise ist mir gerade viel mehr nach Aufräumen, statt nach Schreiben zumute. Ich würde das noch nicht mal als Schreibhemmung bezeichnen, mir wäre durchaus nach Schreiben und nach der Buchmesse, gibt es sogar eine Einladung, dies für Geld zu tun, aber mir ist gerade nach Aufräumen.

Der Mann hat gesagt, dass er Weihnachten nur in unserer Wohnung feiert, wenn es nicht mehr so unordentlich ist. Jetzt ist mir Weihnachten eigentlich schnuppe, aber dass wir es deswegen jedes Jahr bei den Schwiegereltern feiern müssen, ist mir auch nicht recht. Ganz abgesehen von dem Geschenkewahnsinn, der in dieser Familie herrscht.

Seit Jahren habe ich das Gefühl, zu viel zu besitzen. Früher bin ich regelmäßig umgezogen, da erledigte sich manches von alleine. In den letzten Jahren habe ich das Gefühl, dass unsere Wohnung immer kleiner wird, weil der Mann Schrank um Schrank baut und trotzdem überall etwas herumliegt. Das das Kind ständig Neues will, kann ich verstehen. Aber wozu brauchen wir ständig Neues und überhaupt, warum muß man an Feiertagen mehrere Dinge schenken? Ein liebevoll ausgewähltes Geschenk wäre doch völlig ausreichend!

Gut, ich muß gestehen, dass ich auch nicht gerade enthaltsam lebe. Wolle und Stoff finden sich in unserer Wohnung an jeder Ecke. Es macht einfach zu viel Spaß, von neuen Kleidern zu träumen und Stoff zu kaufen. Natürlich fehlt die Zeit, das alles sofort zu vernähen.

Ich bin von Hause aus nicht sehr ordentlich. Eigentlich mag ich es sogar, wenn Dinge herumliegen, wenn das, was man gerne tut sichtbar ist. Ich finde, dann lebt eine Wohnung. Aber dieses zuviel ist zuviel-Gefühl nervt und jetzt nehme ich die Bemerkung mit Weihnachten eben zum Anlasse, die Wohnung zu räumen. In 10 Wochen (bis Weihnachten) müsste einiges gehen, selbst wenn ich mir jeden Tag nur ein Eckchen vornehme. Blöd ist nur, dass es sich eigentlich gerade ganz gut anfühlt, zu räumen, ich aber eigentlich schon noch was heute fertig schreiben müsste.....

Donnerstag, August 28, 2014

Tagebuchbloggen?

Irgendwie reizt es mich, mit dem Tagebuchbloggen zu beginnen. Gleichzeitig rollen sich mir die Zehennägel auf bei der Vorstellung, "mir noch ein neues Hobby" zuzulegen. Der Tag hat sowieso zu wenig Stunden und der Rechner ist jetzt schon zu lange an.

Gestern erzählte ich dem Gatten voller Stolz, dass es nun beruflich wieder läuft und ich ca. 800 € pro Monat regelmäßig nach Hause bringe. Er meinte, damit wäre noch nicht mal die Miete bezahlt und zack, war meine gute Laune dahin. Auch wenn es in meinen Augen nach der Elternzeit viel zu lange gedauert hatte, bis ich überhaupt wieder einigermaßen Geld verdiente, finde ich, dass ich als Teilzeit-Autorin durchaus stolz auf regelmäßige 800 € sein kann. Von den 6 Stunden, die das Kind in der Kita ist, bleiben mir netto vielleicht 4 Stunden Arbeitszeit, wenn überhaupt. In den 6 Stunden fahre ich 2 x zur Kita, erledige ich Einkäufe, mache die Wäsche, räume ich auf, erledige ich alle meine Arzt-Friseur-was-weiß-ich-Termine, ruft meine Mutter an "hast du Zeit, übrigensblabla", organisiere ich Kind-Verabredungen, bereite Kindergeburtstag vor, besorge ich Geschenke und mache einen 400 €-Job. Nebenher als Autorin noch Geld zu verdienen ist nicht wirklich einfach. Ganz abgesehen davon, dass durch die Überstunden des Mannes in den letzten Monaten, noch mehr der eigentlich aufgeteilten Familienpflichten an mir hängen blieben.

Ich weiß, dass es wenig Geld ist und ich weiß, dass ich nicht davon leben könnte und schon gar nicht als alleinerziehende Mutter. Aber das habe ich doch auch gar nicht vor. Wenn ich aber aus dem Blickwinkel einer Existenzgründerin schaue und das bin ich eigentlich nach der viel zu langen Elternzeit, dann ist es schon gar nicht so schlecht, regelmäßig 800€ zu verdienen. Was nützt es mir, eine teure Beratung zu verkaufen, wenn das ein 3-Treffen-Geschäft ist, bei dem ich nicht weiß, wann oder ob das überhaupt weiter geht. Das Regelmäßige weiß ich mittlerweile zu schätzen. Und wenn das Regelmäßige eben durch die eine oder andere teuer verkaufte Stunde aufgerundet wird, finde ich das gar nicht so schlecht. Das Regelmäßige ist nicht so gut für das Selbstbewußtsein, wie ein fetter Tagessatz, aber es ist gut für die Zufriedenheit.

Vielleicht sollte ich doch mal Tagebuchbloggen, um zu sehen, was ich den ganzen Tag so mache. Vielleicht erkenne ich dann die Zeitfallen oder schätze ein bißchen mehr wert, was ich so treibe. Oder ich stelle fest, dass ich gar nicht so lebe, wie ich es eigentlich will? Das wäre gefährlich. Aber eigentlich kann ich mir das gar nicht vorstellen. Eigentlich bin ich zufrieden mit meiner Lebenssituation. Ich habe mich nur über den Kommentar "nicht mal die Miete" geärgert.

wünsche:

  • ein häuschen in den elbvororten
  • ein klavier
  • ein tanzkurs mit meinem liebsten
  • einen kochkurs (am liebsten indisch)
  • ein städteurlaub in rom oder barcelona oder kopenhagen