Freitag, Oktober 05, 2007

Betroffenheit

Es war meine erste politische Diskussion. Und wie es sich für die 70er Jahre gehörte, war ich ordentlich betroffen. Klar kannte ich als Kind die RAF. Nicht persönlich, aber vertraut waren sie mir. Schließlich hatte ich oft genug Zeit, mir ihre Gesichter gründlich anzuschauen. Meine Mutter stand in der üblichen Warteschlange der Post, um Briefmarken zu kaufen und ich jedes Mal fasziniert vor dem Fahndungsplakat. Die waren berühmt! Ganz schön grimmige Gestalten waren das! Doch unsympathisch fand ich sie nicht. Sie machten mir auch keine Angst, denn Bedrohung ging in meiner kleinen Welt eher von bösen Wölfen wie im Märchen oder von Männern mit Süßigkeiten, mit denen wir nicht reden durften, aus. Die Bilder der Terroristen faszinierten mich. Ich wusste nicht, was diese Menschen gemacht hatten oder weswegen sie gesucht wurden. Doch was ein Terrorist ist, war mir sonnenklar: Mein kleiner Bruder machte oft genug Terror.

Ich gebe zu, ich hatte Lieblinge. Manche Menschen auf den Bildern erschienen mir netter als andere. Es traf mich gewaltig, als so ein Bild eines Tages durchgestrichen wurde. Mein Liebling wurde einfach weggekreuzt! Ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Wäre ich heutzutage Kind, würde ich wahrscheinlich denken, dass eine Jury meinen Favoriten "rausgevotet" hatte.

Als Schleyer entführt wurde, war ich auf Klassenfahrt. Ich war neun Jahre alt und unheimlich betroffen. Wir stapften in Cordhosen und gelben Regenmänteln durch den Wald. Meine Freundin Andrea und ich diskutierten über die Entführung. Wir fanden es ganz schön gemein, dass Terroristen den Mann entführt hatten. Keine Ahnung, woher wir von der Entführung wussten. Irgendwie hatten wir es mitbekommen. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass meine Eltern ein pädagogisch wertvolles Gespräch mit mir über das Thema geführt hätten. Aber wir waren ja auch auf Klassenfahrt.
In unseren Kinderspielen gab es auch Entführungen. Doch das war etwas anderes. Wenn wir Indianer spielten, wussten wir, dass das eigentlich nichts mit der Welt, in der wir lebten, zu tun hatte. Wir nahmen Gefangene, banden sie an den Marterpfahl und hüpften tanzend und singend um sie herum. Spätestens wenn wir zum Essen gerufen wurden, gaben wir die Geiseln wieder frei und aus dem verfeindeten Bleichgesicht wurde wieder der doofe Wolfgang.

Dass man einen Menschen entführt und ihn anschließend erschießt, fanden wir fies. Das ist doch gemein! Wir bedauerten seine Kinder und fragten uns, wie es ihnen geht. Uns hätte es gar nicht gefallen, wenn man unsere Väter entführt und erschossen hätte. Wir fragten uns, warum Terroristen so etwas taten und fanden keine Antwort. Am Ziel unserer Wanderung angekommen, vergaßen wir unsere Lehrerin zu fragen.

Meine Erinnerungen sind nebulös. Leider kann ich mich nicht an unsere Diskussion erinnern. Aber ich weiß, dass es ein ernstes, gewichtiges Gespräch war. Ich habe deutlich vor Augen, wie wir durch den regennassen Wald stapften, um uns herum die Welt vergaßen, weil uns das, was wir besprachen so sehr beschäftigte. Es war meine erste politische Diskussion. Und wie es sich für die 70er Jahre gehörte, war ich ordentlich betroffen.
Diese Betroffenheit ist mir abhanden gekommen. Während 9/11 war ich in Urlaub und zu allem Überfluss auch noch krank. Mit fieberndem Kopf sah ich die Bilder im Fernsehen. Es berührte mich nicht, unterschieden sich die Bilder doch nicht wesentlich von einem Actionfilm. Unser Urlaub ging weiter. Mich beschäftigte damals mehr, ob ich noch ein paar gesunde Tage ohne Fieber am Strand verbringen könnte, als mich um den Zustand der Welt zu sorgen. Das Fieber verschwand und wir hatten noch eine Woche Spaß. Aus unsere Parallelwelt zurück gekommen, fanden wir große Betroffenheit vor. Mit Grabesstimme wurden wir darüber aufgeklärt, dass unsere Welt fortan ein Ort der Bedrohung sei. Ich zuckte mit den Achseln und machte mich daran, hunderte von Mails aufzuarbeiten, die sich während meines Urlaubs angesammelt hatten.

Damals, in Cordhosen und gelbem Regenmantel, hatte ich es herbeigesehnt, groß und erwachsen zu sein, um die Welt zu retten. Heute weiß ich, dass mein Einfluß nur marginal ist. Ich bilde mir ein, die Macht der Medien zu durchschauen - und schaue weg. Manchmal frage ich mich, ob das, was in der Tagesschau läuft, nicht genauso irreal sein könnte wie unsere Indianerspiele. Immer seltener lese, schaue oder höre ich Nachrichten. Ich bin zu bequem und zu resigniert für Betroffenheit und Diskussionen. Da schaue ich doch lieber Popstars. Die sind auch ein bisschen berühmt.

(Geschichte als "Auftragarbeit" von mindestenshaltbar und dort auch zuerst veröffentlicht - nett, sich mal zu einem Thema inspirieren zu lassen. Von selbst, wäre ich wahrscheinlich nicht einfach so auf die RAF gekommen)

Keine Kommentare:

wünsche:

  • ein häuschen in den elbvororten
  • ein klavier
  • ein tanzkurs mit meinem liebsten
  • einen kochkurs (am liebsten indisch)
  • ein städteurlaub in rom oder barcelona oder kopenhagen