Samstag, Januar 22, 2005

schreiben und sich zeigen

gestern war ich auf der pussy-prosa-lesung. sehr schön. lyssas texte kannte ich schon. frau julie und frau chile waren neu für mich. aber es ist etwas anderes, die texte im netz zu lesen oder sie von "echten menschen" vorgelesen zu bekommen. und die damen machten es äußerst charmant! die vielfalt und unterschiedlichkeit der texte und autorinnen begeisterte nicht nur mich. trotzdem war ich auch überrascht, wie selbstverständlich es schien, mit fremden frauen in einem erotik-laden-für-frauen zu sitzen, zwischen dildos, federpuscheln und kleinen peitschen, um schmuddeligen texten zu lauschen. das publikum ausschließlich frauen, so war es geplant, die einzigen männer waren vom fernsehen. das wurde in kauf genommen.

ich ging zu der lesung, weil ich mir ein paar antworten auf die fragen erhoffte, die mich derzeit so sehr beschäftigen. vor einem jahr bin ich so schnell zu ruhm gekommen, dass ich gar nicht die zeit hatte, genau zu überlegen, wieviel ich von mir der öffentlichkeit preisgeben möchte. natürlich habe ich viel mit freundinnen diskutiert und immer wieder haben wir kritische interviews geübt. aber das waren trockenübungen. in wirklichkeit war der umgang mit der presse und den leserinnen, der öffentlichkeit, viel komplizierter.

eine freundin sagte damals zu mir, dass ein buch veröffentlichen ähnlich ist, wie wenn eine malerin oder bildhauerin ihr werk ausstellt, dass sie vorher tage-, wochen- oder monatelang in ihrem keller geschaffen hat: plötzlich wird ihr baby, in dem so viel intimes von ihr selbst steckt, der öffentlichkeit preis gegeben. an dem tag, an dem das buch in den läden stand wurde mir noch mehr als zu dem zeitpunkt, an dem ich es zum ersten mal gedruckt in den händen hielt, bewußt, dass ich nun wirklich loslassen muß. aber ich wußte nicht, wie es sich anfühlen würde. wie sehr ich darüber erstaunt, verwundert und auch verletzt sein würde, wenn sich die leserInnen mein werk aneignen würden, um etwas damit zu machen, was völlig außerhalb meines einflusses lag. natürlich freute ich mich, wenn sie das damit machten, was ich beabsichtigt hatte. ich war erfreut und gerührt. aber es gab auch andere. insbesondere die nicht-leser-und-nur-etwas-darüber-gehört-haber und die zum-teil-leser-weil-man-ja-sowieso-schon-weiß-wie-es-ausgeht-leser verdrehten mir das wort im mund, wenn sie mich zitierten. ihnen wollte ich mein werk nicht schenken.

bei jedem text, den ich nun schreibe, bin ich gehemmter als beim ersten buch, dass ich jungfräulich und naiv den löwen zum fraß vorwarf. die innere zensorin mahnt mich immer wieder, beim schreiben und in dem augenblick, wenn ich es zum ersten mal jemand zum lesen gebe. der kreative akt des schreibens ist für mich nur dann wirklich erfüllend, wenn ich risiken eingehe, wenn ich unfertiges so lange in mir hin und her wende, wenn ich mich traue neues und ungewöhnliches zu schreiben. nur dann habe ich das gefühl, wirklich etwas relevantes zu produzieren, denn ich will ja schließelich niemanden langweilen - schon gar nicht mich selbst. denn beim schreiben geht es mir weniger um das kunstvolle schreiben an sich. es geht mir um die reflektion, das verstehen und die erkenntnis. das schreiben ist letztlich ein instrument, meine gedanken zu sortieren und zu präzisieren - und letztlich auch, um sie zu teilen. denn wenn meine gedanken von anderen geteilt und weiterentwickelt werden, ich davon erfahre und an der diskussion teilhaben darf, dann macht es mich glücklich.

eine lesung zu machen ist noch öffentlicher, als ein buch zu veröffentlichen oder ein blog zu schreiben. bloggen erscheint mir wie ein handeln auf probe. in dem moment, wo ich anonym bin, kann ich texte veröffentlichen und mir über die kommentare feedback holen. aber in dem moment, wo ich eine lesung mache, bin ich anwesend und zeige mich. ich mache mich erkennbar und wiedererkennbar. gestern interessierte es mich, wie die zuhörerinnen reagierten und wie es den frauen ging, die da vorne standen und sehr intime texte lasen. es erschien mir, dass es für sie "ging", denn die texte waren zwar intim und trotzdem zum teil recht distanziert. wahrscheinlich ist es nur so zu ertragen, wahrscheinlich ist es nur möglich, texte mit kleinen kunstgriffen zu verfeinern, um genügend distanz zu haben, um sich persönlich auf einer lesung zur disposition damit zu stellen. ich zog den schluss daraus, dass ich genau das noch lernen muß. mich ein paar schritte von mir zu entfernen und aus meinen erfahrungen kunst zu machen. handwerkliche kniffe und kunstgriffe lernen, die gleichzeitig mich verschleiern und eine allgemeingültigkeit herstellen, um anderen den zugang zu erleichtern. nur so kann ich mich trauen und weiter schreiben und veröffentlichen.

für mich steht mittlerweile außer frage, dass ich bestimmte dinge nur unter pseudonym veröffentlichen will. der markengedanke machte es für mich plausibel und entschuldbar. schließlich hat die leserin auch eine erwartungshaltung, die mit meinem namen verbunden ist - zu unterschiedliche genres und inhalte verwischen das profil der marke. trotzdem ist das, was ich unter pseudonym schreibe auch immer ein teil von mir. wenn ich über themen schreibe, die mich bewegen, dann neige ich auch darüber zu sprechen. ich will mich austauschen, um erkenntnisse zu haben. aber bei jedem austausch oute ich mich ein bißchen. viele dieser teile von mir ergeben mehr und mehr ein puzzle, dass mich erkennbar macht. ich frage mich: wo sind die grenzen?

besonders gut gefiel mir unser anschließend essen. sechs gute frauen an einem tisch. typische frauengespräche. männer wären schockiert, was frauen, die sich zum teil zum ersten mal sahen, so alles besprechen. ich freue mich immer wieder, gute frauen kennenzulernen. kennenlernen geht aber nur mit "sich zeigen" und damit bin ich ich wieder am anfang angekommen.

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wünsche:

  • ein häuschen in den elbvororten
  • ein klavier
  • ein tanzkurs mit meinem liebsten
  • einen kochkurs (am liebsten indisch)
  • ein städteurlaub in rom oder barcelona oder kopenhagen